Viertes Erzählcafe in Bürgeln

Einkaufen – Versorgen – Miteinander reden

Am Sonntag, dem 31. März 2019, fanden sich so viele Interessierte wie noch nie in der MZH Bürgeln zum Erzählcafe ein. Der Saal war, sehr zur Freude des Ausrichters, der Initiativgruppe „Bürgelns Zukunft“, bis auf den letzten Platz besetzt. Und die Erwartungen in einen unterhaltsamen Nachmittag erfüllten sich! Es wurde über die früheren Einkaufs-möglichkeiten in Bürgeln viel erzählt, geschildert und berichtet. Der Blick zurück umfasste etwa die Zeit zwischen 1945 und 2010.

Schon beim Betreten des Saales staunten die Besucher nicht schlecht: Jeder Ankommende erhielt eine Papier-Spitztüte, gefüllt mit Bonbons und frisch abgewogen auf der originalen Dezimalwaage aus dem früheren Lebensmittelgeschäft M.Löchel. Bestaunt und bewundert wurde auch die großartige und zum Thema passende Dekoration im Saal, einschließlich der vielen Ausstellungstücke aus den ehemaligen Geschäften. Allein die Salzheringe aus dem Fass fehlten!

Frieder Reichel, ein Sprecher der IG, begrüßte herzlich die Gäste und trug zur Einstimmung in die Thematik ein Gedicht des Bürgelner Autors Kurt Kornemann mit dem Titel „So war es“ vor. Dann zählte er auf, dass es einmal sage und schreibe in Bürgeln 1 Kolonialwarenhandlung (J. Hentrich), 2 Lebensmittelläden (A. Janka, später O.Janka und M. Löchel), 1 Metzgerei (H.Seibel, später J. Wenz), 2 Bäckereien (K. Schneider und Hans Eucker) sowie die Schmiede mit einem Haushaltswaren- und Geschenkeladen (A. u. J. Heimrich) gab.

Sowohl die Versorgung, als auch die Möglichkeit, sich zu treffen und zu plaudern, war jahrzehntelang  reichlich gegeben. Trotz der guten Versorgungslage wurde Bürgeln aber auch noch von vielen sogenannten „Fahrenden Händlern“ besucht.

Da gab es beispielsweise den Gerber aus Rauschenberg, der die heimischen Schuhmachermeister und den Sattler mit Lederrohwaren versorgte, diverse Händler mit Stoffen, Kleidungsstücken, Kurzwaren und Gardinen aus Schönbach (der „Schimmbächer“), Niederklein (das „Mäusche“), Dexbach, Marburg, Mornshausen, Korbwarenhändler aus Frankenberg und der südlichen Weinstraße, Seifenhändler und einen Handlungsreisenden mit Konservenwaren (vornehmlich Senf). Auch Messer- und Scherenschleifer fanden sich regelmäßig im Ort ein.

Von den meisten Geschäften waren Familienangehörige an diesem Nachmittag zugegen. So wurde durch sie anschaulich geschildert und erzählt. Beispielsweise, dass die Bäcker vornehmlich mit Mehl aus der Region (heute „Biomehl“) versorgt wurden, dass das Warenangebot noch überschaubar war und die Nachbarorte teilweise mit dem Fahrrad angefahren wurden, erst später kam ein Auto dazu. Auch alle Familienangehörige waren ins „Geschäftstreiben“ – schon von Kindheit an – mit eingebunden! Natürlich wurde auch so manche Anekdote dargeboten, bspw. von einem ins Brot eingebackenen Salzhering (H. Eucker) oder von dem Ausspruch (K.Schneider): „Wo du backst die Kuchen fein, kauf auch Brot und Brötchen ein!“ Diesen Ausspruch gab er den „Kunden“ mit, die zwar gerne seine Dienste in Anspruch nahmen, im Herbst ihren Zwetschgenkuchen im großen Backofen backen zu lassen, jedoch dann „vergaßen“, in den anderen Monaten bei ihm Brot und Gebäck zu kaufen! Alle Geschäfte kannten in der Regel eigentlich kaum einen regelmäßigen Feierabend oder ein „ruhiges Wochenende“, denn auch dann kam Kundschaft und hatte nur mal eben noch einen dringenden Einkaufswunsch!

In der Bürgelner Metzgerei gab es Qualitätsware. Schließlich wurde – ohne lange Transportwege – Vieh aus der Region eingekauft und die Rinder und Schweine unterlagen einer artgerechten Haltung und Fütterung. Allerdings war das Handwerk natürlich anstrengend und bedurfte mancher logistischen Meisterleistung!

Die Lebensmittelläden hatten ein umfangreiches Sortiment, angefangen vom Hering im Fass über selbst abgewogenes und abgepacktes Mehl, frisch gezapftes Speiseöl, Obst und Gemüse, diversen Kurzwaren, Nähutensilien sowie später auch Wurst- und Fleischwaren von Metzgern aus der Region. Und dass manchmal angeschrieben wurde, wenn bei Kunden mal das Geld knapp war, gehörte selbstverständlich auch zum Kundenservice.

An dieser Stelle muss der Vortrag von Oswald Janka erwähnt werden, der mit viel Herzblut und großem Engagement die Geschichte des Lebensmittelgeschäftes Janka darstellte, von den problematischen Anfängen bis zur Schließung. Dabei wurde auch verdeutlicht, dass man sich zur Geschäftseröffnung und zur Weiterführung mit mannigfachen gesetzlichen Vorschriften auseinander zu setzen hatte.

Der Nachmittag hatte viel zu bieten, die dargebotenen Kuchen und Schnittchen schmeckten. Man bedankte sich bei den Helfern und nahm am Ende mit Freude zur Kenntnis, dass etwa zeitgleich mit dem Erzählcafe der Baubeginn des neuen Versorgungszentrums NORMA in Bürgeln ansteht. Somit gibt es für die Bürgelner und natürlich die umliegenden Orte bald wieder die Möglichkeit, sich räumlich nahe zu versorgen und miteinander zu plaudern.

Und noch etwas: Das 5. Erzählcafe wird kommen. Die IG hält ihre Versprechen!

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